Im Schatten des Maulbeerbaumes

 

Das Cover dieses Romans ziert ein Aufkleber: „Der Roman zum Kölner Korruptions-Skandal“. Vom Verlag verkaufsstrategisch angebracht, reduziert er dieses Buch auf einen einzigen Aspekt und wird Bernd Imgrunds Geschichte um einen Kölner Bauunternehmer alles andere als gerecht. Denn mit diesem Roman ist dem Autor ein großer Wurf gelungen, ein Gesellschaftsroman im besten Sinne.

Bernd Imgrund, als Journalist arbeitend und Autor eines Skat-Lesebuches, das die Entstehung und Entwicklung dieses in Deutschland beliebten Kartenspiels nachzeichnet, erzählt in „Korrupt“ die Geschichte von Winrich Kannebäcker, der sich als Jugendlicher in die radikale Beate Schmitz verliebt, in ihrem Schatten heranwächst und die Peripherie der RAF in den Siebzigern streift, um dann als Nachfolger seines korrupten Vaters Erwin, die Abrißfirma KA-BAU zu übernehmen und seinen Vater in puncto Strippenzieherei bei weitem zu übertreffen. Was in der rudimentären Zusammenfassung so linear klingt, ist als Roman ein aufwendiges Puzzle, ein spannendes Zusammenführen diverser Fäden, das dem Buch jenen Sog verleiht, von dem man so manch anderer Neuerscheinung einige Qualitäten wünschen würde. Der amerikanische Autor Tom Wolfe schrieb vor 30 Jahren, „daß die Zukunft des belletristischen Romans in einem sehr genauen, auf der Reportage beruhenden Realismus liegen werde,… einem Realismus, der das Individuum in enger und unentwirrbarer Beziehung zu der Gesellschaft um es herum darstelle.“ Genau diese Prognose erfüllt Bernd Imgrund mit seinem Roman. Die Einbettung fiktiver Figuren in historisch belegte Ereignisse ist so geschickt gestaltet, daß nichts wahrer erscheint als dieses unglaublich dichte Porträt einer Kölner Gesellschaft von der Nazizeit bis zum Ende des letzten Jahrhunderts. Da legt ein zufällig ausgewählter Junge zusammen mit Goebbels den Grundstein für eine  Kunsthalle, um zig Jahre später als Oberbürgermeister Johann de Kuiper an der gleichen Stelle eine Rede zur Eröffnung des ostasiatischen Museums zu halten, da wird von Wahlmanipulation im Jahre 1948 berichtet und in Zusammenhang mit den Folgen eines Brandanschlages gebracht, den der junge Winrich 29 Jahre später an seiner Schule verübt, da sitzt die Freundin des Helden im selben Knast wie Ulrike Meinhof, da wird Winrich Kannebäcker als Chef seines Betriebes in einen Korruptionsskandal verwickelt, wie er in Köln in den letzten Jahren immer wieder monatelang alle Titelbläter füllte, und da erzählt Herbi, Insasse einer psychiatrischen Anstalt und Zellengenosse von Winrich, die Geschichte des Maulbeerbaumes im Innenhof, der einst im Mittelalter dort zu sprießen begann, wo die Tochter des Pfalzgrafen Ezzo ihre abgeschnitten Locken zurück gelassen hatte. Natürlich erfährt man en passant auch noch, wie besagte Mathilde sich in Bernhard von Clairvaux verliebte, wie es zur Klostergründung und der Umwandlung der Stätte in eine psychiatrische Klinik kam. Das alles ist großartig und in einem wunderbar schnörkellosen Stil erzählt, der in seinem direkten Zugriff immer zielsicher und unmittelbar am Herzen des Geschehens zupackt und in seiner fesselnden, geradezu kriminalistischen Fortbewegung seine Charaktere mit unerhörter Leichtigkeit in ihrer psychologischen Entwicklung porträtiert. Selbst die kleinsten Nebenfiguren erhalten durch ihre kurz angerissenen Schicksale, durch ihre Macken und abstrusen Sammelleidenschaften, die von Steinen bis Binden reichen, oder auch durch ihre philosophisch verbrämte Schwäche für den deutschen Schlager einen deutlichen und unüberlesbaren Platz in diesem literarischen Großraum, den uns Bernd Imgrund zu durchwandern anbietet.

So mache ich mich denn nach getaner Arbeit auf den Weg nach Brauweiler, jenem Viertel Kölns, wo noch immer die säkularisierten Klostermauern stehen, um im Schatten des Maulbeerbaumes - wenn ich ihn denn finde - noch einmal diesen Roman zu lesen.

 

Bernd Imgrund: Korrupt. KIWI Köln, Köln. 2002.

255 Seiten. 9,90 €