Von Baulöchern und Schluckmönchen

 

Aufm Amp da ist die Arbeitslosigkeit, „da wird Büroarbeit gemacht, dann kommt der Papierkram mal auf einen anderen Stapel“. Und auf der Straße geht es folgendermaßen zu: „Der Blick, den der Mann betrachtet, als Auge, durchdringt die Scheibe, in Form ihrer Art, als ein solcher bis zur Ampel.“ Oder aber: „Der Bürgersteig ist die Platten am Wackeln.“

„Wo ich bin ist hinten“ heißt das neue Buch mit kurzen Erzählungen, Miniaturgeschichten und Bonsai-Entwürfen von Ulrich Bogislav. Wirkt der Titel auf den ersten Blick noch wie eine kokette Absage des ostfriesischen Autors an den satten Literaturbetrieb, wird schon nach der Lektüre der ersten Stories klar, daß hier jemand über Menschen schreibt, die nicht allzu viel von der Sahne des alltäglichen Kaffees abbekommen. Es sind Gestalten, die das Wort Rhetorik mit Geschlechtskrankheiten in Verbindung bringen würden und Mozart lieben, weil er tolle Pralinen macht. Jede dieser Figuren könnte auf die ein oder andere Weise den Titel für sich in Anspruch nehmen. Bogislav, Jahrgang 1956, eigentlich Grafiker und Musiker, der kürzlich mit seiner Ausstellungsreihe „Asyl für herrenlose Bilder“ Furore machte - eine Initiative, die Bilder vom Flohmarkt ins Kölner Literaturhaus brachte - verlacht seine Antihelden aber nicht, oder sagen wir, er tut es nur selten, wie im Fall des Kampfunde-Besitzers etwa, vielmehr sieht er seinen Geschöpfen zu, schaut ihnen auf den Mund und läßt sie sich, falls nötig, selbst entlarven und in eine Sackgasse palavern. Seine Figuren sind alle fest in einem sozialen Kontext verankert und jede, die sich ungewollt bloßstellt, enthüllt damit zugleich das gesellschaftliche Leben in dem sie verankert ist, in dem sie sozusagen - wir werden an dieser Stelle mal derb - bis zum Hals in der Scheiße steckt.

Das alles ist sehr witzig und gekonnt geschrieben! Da hat jemand mit frischem Literaturwerkzeug, mit Sprachverkrümmungen, Verballhornungen verdreht, gebrochen und gedichtet, was das Zeug hält. Das ist begnadete Trash-Literatur; das sind Geschichten, die man den meisten Slam-Dichtern gerne zu lesen geben würde, damit sie entweder schreiben lernen oder das Dichten sein lassen. Oder wie der Mann am Bauloch es formulieren würde: „Genau. Wie heißt das noch, was die im Fernsehen immer sagen. Umwelt vermeiden heißt schützen, da prallt doch die Diskrepanz aufeinander, und wer muß das wieder ausbaden?“

Hier  wird auf 150 Seiten mit abwechslungsreichen stilistischen Mitteln der alltägliche Sprachunsinn ausgebreitet und ironisiert; in diesem Band gibt es unbändige Wut auf den eigenen Geburtstag und seine Gäste, dada-artige Reden eines Konzernchefs, pubertierende Wettküsser, harten Sex, wenn man Glück hat, surreale Autofahrten, die zukunftsträchtigen Gedanken eines Bademeisters und eine Erläuterung zur Tradition der Schluckmönche, aus der an dieser Stelle zitiert sei: „Durch die Kultur einer hohen Trinkmeditation erreichen diese den Zustand einer Bewußtseinsquarantäne als zugeknallter Mann.“ Na denn, Prost!

Selbst die Landschaften liegen in diesen Texten nicht einfach nur in der Gegend herum, vielmehr passen sie sich den spitzen Sprachverrenkungen und Satzfurchen an. Diese Lektüre ist eine lustige und fröhliche Wanderung durch die Täler der menschlichen Unkenntnis, Sprachwitz wie ein stacheliger Drahtverhau um jeden Baum. Wie im übrigen auch Ulrich Bogislavs öffentliche Lesungen kein Auge trocken lassen. Im „Sülzer Salon“ las er jüngst über Massenmörder und verschenkte zu jeder Geschichte eine Zeichnung des vorgestellten Killers. Das Publikum, trotz des blutrünstigen Themas,  „lachte nach Herzenslust aus dem Unterleib, der sich krümmte vor Biegung“. Ich aber richte mich zu diesem Zeitpunkt auf zum Ende hin, denn dies also war die Kritik kritisch zu dem Buch im Sinne einer Besprechung und Anregung zum Kauf wie sie also ist. Ja! Ja!

 

 

Ulrich Bogislav: Wo ich bin ist hinten. Ritter Verlag, Wien 2002. 150 Seiten. 13,90 €