Fluchten

 

Dorst spricht nicht viel. Seit er begriffen hat, daß seine Mitmenschen die Wahrheit nicht hören wollen, schweigt er mehr, als er redet. Er zieht sich zurück, kramt die alten, schwarzen Kleider seines toten Vaters aus dem Keller hervor, sammelt Regenwürmer und geht angeln. Dorst verhält sich  unzeitgemäß.  Mit ihrem Roman „Ich muss los“ hat die beim diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb mit dem Preis der Jury ausgezeichnete Freiburger Kritikerin Annette Pehnt ein Plädoyer für das Anderssein geschrieben. Bei aller Verschrobenheit ist ihr Antiheld Dorst kein bemitleidenswerter Soziopath, sondern der unbeabsichtigte Antipode einer durch und durch geregelten bundesrepublikanischen Enge der siebziger Jahre. Das mag nicht neu sein, aber die Art und Weise wie Annette Pehnt diesen Stoff angeht, ist es durchaus. In kurzen, einfachen, aber prägnanten Sätzen erzählt sie Anekdote um Anekdote, die in ihrer kurz aufblitzenden Heiterkeit den Leser jeweils in unerwartet trauriger Stimmung zurück lassen. Denn so komisch das eigenbrötlerische Verhalten von Dorst auch im ersten Moment scheinen mag, so einsam zeigt sich im nächsten Augenblick sein selbst gewähltes inneres „Exil“. Selten war das Aneinander-Vorbei-Kommunizieren so deprimierend wie in diesem Buch. Jede Gestalt, die diese Seiten durchquert, versteckt eine unausgesprochene Leidensgeschichte. Und doch reizen die Absurditäten ihres Alltags uns immer wieder zum kurzen Auflachen. Da ist der Vater, der als Person gar nicht erst auftaucht, der sich hinter einer Tür (krankheitsbedingt?) zu Tode hungert, während die Mutter, unfähig zu reden, ihren Alltag in Hefte schreibt. Da ist die dicke Tante Lollo, die Dorst mag, weil sie ihn nicht immer fragt, was er einmal werden will, für ihn die Küche zum Sandkasten macht  und die plötzlich tot im Garten liegt. Da ist der kleine Ruben, dessen Eltern scheinbar nur arbeiten und der den ganzen Tag auf der Straße hängt, dann Herr Quoirin, der hinter seiner Jovialität die geballte Biederkeit versteckt und da ist Dorst selbst, der in die Tiefgarage zum Singen geht und tagsüber den ganzen Tag mit der Straßenbahn fährt. Aber während die andern sich abstrampeln, geht letzterer bewusst den Weg in die Einsamkeit. Die Tragik, die Annette Pehnt nachzeichnet, besteht darin, daß auch dieses überlegte Anderssein keine Alternative ist, weil die andern eben nicht mitziehen. Das Ende ist immer ein Platz neben der Mülltonne oder im feuchten Tunnel, wo die Pilze wachsen. Dorthin geleitet Dorst Touristen als etwas anderer Stadtführer. Konsequent erzählt er seinen Mitmenschen, die seine Gegend bereisen, Lügengeschichten, erfindet Anekdoten um einen Limonadenspringbrunnen, macht seine Tante Lollo zu einer Stadtberühmtheit vergangener Tage und entläßt seine Kunden zufrieden und gläubig in ihren Alltag. Hoffnung gibt es, als die Lehrerin Elner fast täglich seine Führungen mitmacht und sich eine Liebesbeziehung zwischen beiden entspinnt, aber auch in ihrer Wohnung hält Dorst es nicht lange aus.

 

Trotz aller bravourösen Passagen haftet „Ich muss los“ ein unüberlesbarer Mangel an. Die einzelnen Textfetzen, Rückblenden und Geschichtchen bleiben nebeneinander geschichtete Episoden. Zwar werden sie durch Dorst zusammen gehalten und bilden Puzzleteile seines Lebens, aber als ganzer Entwurf taucht dieses Leben dann doch nie auf. Kaum hat man sich an Herrn Quoirin gewöhnt, verschwindet er auch schon wieder; kaum leidet der Leser mit Ruben, schon wird der Knirps in die Marginalität des Nicht-Erzählten verdrängt. So springen wir lesend immer wieder mitten in die Dorstschen Fettnäpfchen hinein, um sie sogleich wieder zu vergessen. Nichtsdestotrotz bleibt der Eindruck eines ungewöhnlichen Buches, nicht eines großen Romanentwurfs, aber eines kleinen gelungenen Geschichtenbandes.

 

 

 

Annette Pehnt: Ich muß los. Piper Verlag 2002. 128 Seiten. 7,90 €