Das Schweben ist ein einsamer Ort

 

Nichts aufgesetzt Grelles hat dieses Buch, nichts das einen aufschrecken läßt, keine Hektik ist den Seiten zu entnehmen, hier gibt es keinen atemlosen Erzähler, der den Leser aufs Ende zu  peitscht, und genau das macht Prechts „ Die Kosmonauten“ zu einem aus der Masse der Neuerscheinungen herausragenden Buch.

Die Handlung beginnt in Köln, Anfang Oktober 1990, wo Georg und Rosalie sich in der Bahn kennenlernen und abends im Bett zueinander finden, während draußen ganz Deutschland sich vereint. Kurz darauf beschließen sie ihr bisheriges Leben aufzugeben, verlassen ihre Lebenspartner, geben ihre Jobs auf und ziehen gemeinsam nach Berlin. Was sie bewegt, ist eine diffuse Aufbruchstimmung, das Gefühl, daß sich jetzt alles ändert, neu wird. Wie dieses Andere, Neue aber aussehen, wohin der Aufbruch führen soll, darüber wissen sie so wenig, wie die johlende Menge unterm Brandenburger Tor oder die Politiker, die sich feiern lassen, während „zusammen wächst, was zusammen gehört“. In Berlin angekommen, richten sie sich eine Wohnung ein, lernen Leonhard, Franziska und diverse nuschelnde Künstler kennen, aber eigentlich tun sie gar nichts. Sie schweben vielmehr in einem luftleeren Raum, kreisen durch die Stadt, warten ab. Richard Precht gelingt es auf wunderbare Weise, diesen Schwebezustand wiederzugeben, indem er in zeitlupenhaften Abläufen, in einem steten Verweilen, den Versuch seiner Figuren, sich in einer neuen Welt zurecht zu finden, beschreibt. Genau wie der Kosmonaut Sergej Krikaljow, der am Anfang des Romans mit der Sojus-Kapsel abhebt und nun aus dem All die Geschehnisse auf der Erde mitbekommt, bewegen sich in diesem Roman die Menschen durch die Großbaustelle Berlin. Precht paralellisiert beide Geschichten, verweist gekonnt in Bildern und Nebensätzen immer wieder auf den Kosmonauten aus der Ukraine, und so wie die Situation für Krikaljow immer brenzeliger wird – durch den Zusammenbruch der Sowjetunion ist plötzlich kein Geld mehr da, ihn aus dem All zurück zu holen – so wird nach und nach deutlich, daß die Beziehung von Georg und Rosalie scheitern und damit ihre Hoffnung auf etwas Neues platzen wird.

Aber dieses Buch ist nicht so einfach nachzuerzählen. Keinesfalls ist es damit getan, eine Liebesstory auf diesen knapp 400 Seiten auszumachen. Denn dieses Buch erzählt auf vielfältige Weise Geschichte, die Geschichte Berlins nach der Wiedervereinigung, die Geschichte einer nationalen Aufbruchstimmung, die nach und nach versandet und auch die Geschichte des ostberliner Tierparks, für dessen Erhalt der alte Tierparkdirektor sich einsetzt und der sich das Leben nimmt, als ihm klar wird, daß der Zoo Westberlins seine Gehege schlucken wird. Ein tragisches Opfer der Wiedervereinigung.

Richard Precht, übrigens selbst Tierexperte und Autor von „Noahs Erbe“, einem Buch, das sich mit den Rechten der Tiere auseinander setzt, gelingt es, ganz Berlin als riesigen, lauernden Zoo zu beschreiben. Und so ist es nur konsequent die Geschichte in die Entführung einer Antilope münden zu lassen. Aber was so lustig klingt, endet in einem fulminant erzählten Schlußkapitel böse und tragisch.

Precht ist ein begnadeter Stilist und Spracharchitekt. Keine noch so bescheidene Nebenfigur wird in den Straßen der Hauptstadt liegen gelassen; die Fäden werden früher oder später wieder aufgegriffen und zu einem vielschichtigen Sprachgebilde verknüpft. In exzellenten Bildern, ausgeklügelten Vergleichen und einem Sprachwitz, der seinesgleichen sucht, umkreist der Autor auf ruhiger Umlaufbahn seine Protagonisten und während die alte Allee der Kosmonauten in Marzahn geradewegs ins Nichts führt, schließt der Leser am Ende ein großartiges Buch!

 

Richard David Precht: Die Kosmonauten. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003.

383 Seiten. 22,90 €