Pssst! Taxi? Chica?

 

 

Aus allen Hauseingängen scheinen die Angebote zu kommen. Jeder hat etwas anzubieten in dieser Stadt voller Winde und Graffiti. Das Leben in Havanna ist eine Frage der organisierten Improvisation. So jedenfalls zeigt sich Kubas Hauptstadt in Achim Wagners neuem Roman „Kubanische Tage“.

Um es vorweg zu nehmen: der Verlag schwindelt etwas, wenn er dieses Buch als Roman tituliert. Darüber kann auch der literarische Trick des Autors, einen fiktiven Helden namens Aleksander auf die Insel zu schleusen, nicht hinweg täuschen. Was dem Leser auf diesen Seiten begegnet, sind kleine Szenen, kurze Skizzen, Eintragungen in ein Reisetagebuch, historisch-politische Exkurse, Erlebtes, das Achim Wagner offensichtlich auf einer seiner Kubareisen festhielt. Aber das tut der Lektüre keinen Abbruch. Denn die detailreichen Momentaufnahmen fügen sich nach und nach zu einem sowohl realistischen als auch poetischen Gesamtbild zusammen, einem halb lichtflimmernden, halb verregneten Porträt dieser Stadt Fidel Castros, das die Sehnsucht nach fremden Gerüchen, nach Jazz und Urlaubstagen in uns wach ruft. Denn das kann der Autor allemal: uns ganz en passant mitnehmen, beim Besuch der Märkte und Viertel, beim Schlendern über Friedhöfe vorbei an Kathedralen und alten Götzen, beim Lauf über den Platz der Revolution. Und plötzlich stehen wir mit anderen Schaulustigen auf dem Bürgersteig am frühen Abend im gelben Licht einer Straßenlaterne und beobachten gebannt zwei alte Männer beim Schachspiel, haben den Duft der feuchten Wäsche, die von den Balkonen der Stadt hängt, in der Nase oder hören das Schimpfen einer Kreolin, die ihren betrunkenen Mann aus der Kneipe zerrt. Dann wiederum werden wir zwei Gassen weiter mit dem kubanischen Fahrstil konfrontiert, retten uns in eine Galerie, eine Kneipe, trinken Bier, hören Musik, jene Takte, die uns Wim Wenders mit „Buena Vista Social Club“ wieder ins Gedächtnis rief, um später mit dem Geschmack von Erdnüssen im Mund, auf die kaum wahrnehmbaren Wellen des Meeres zu blicken.

Achim Wagner, Jahrgang 1967  - und einer der führenden Köpfe der „Rheinischen Brigade“, jener losen Vereinigung von AutorInnen, die sich zum Ziel gesetzt hat, zum einen, die Literatur wieder zu politisieren, sprich „den bloß belletristischen Rahmen zu überschreiten“ und zum anderen ein Gegengewicht zur abstrusen Zentrierung der deutschen Literatur auf Berlin zu bilden - vermischt diese Erlebnisse und Eindrücke seines Helden Aleksander geschickt mit interessanten historischen und politischen Apercus. Beiläufig erfahren wir so, daß die Verteidigungskomitees der Revolutien, die einst gegründet worden waren, um bei einer Invasion der USA den Häuserkampf zu planen und durchzuführen, in Friedenszeiten für alle möglichen Probleme des ihnen anvertrauten Viertels zuständig sind oder daß in der período especial, ausgerufen nach dem Zusammenbruch des politischen Systems des Ostblocks, der Verkehr auf der Insel durch die ausbleibenden Öllieferungen aus der ehemaligen UdSSR lahm gelegt worden war und der máximo líder entschlossen hunderttausende Fahrräder für sein Volk in China bestellte. Und wer weiß schon, warum es den Cocktail „Cuba libre“ gibt? Und was haben die USA mit einem freien Kuba zu tun?

Die Schnörkellosigkeit, mit der hier erzählt wird, das Geradlinige, ohne Umschweife zum Punkt zu kommen, geradezu immer schon in medias res zu sein, übt einen angenehmen Sog aus, und kaum war die Lektüre beendet, meldete sich eine Stimme, die mir ins Ohr flüsterte: Pssst! Tickets nach Kuba?

 

Achim Wagner: Kubanische Tage. Aarachne Verlag, Wien 2001. 146 Seiten. 11 €