Mein Vater, mein Vater, jetzt…

 

 

Ein junger Mann kommt nach Deutschland, um das Erbe seines Vaters anzutreten. Er kennt weder seinen Vater noch das Land, aus dem er stammt.  Und so ist ihm der Kurzbesuch, wenn nicht lästig, so doch gerade geeignet, ihn schnell hinter sich zu bringen. Aber das bis auf einen Schrank und ein Radio leere Zimmer, das er vorfindet, füllt seinen Kopf mit Fragen und Kindheitserinnerungen. Der verborgene Teil der eigenen Identität beginnt zu rumoren.

Albert Ostermaier, Lyriker und Dramatiker aus München, legt mit diesem aus Käufersicht doch sehr schmalen Bändchen eine interessante, sich stets weiterspinnende Textur vor, die in allen literarischen Gattungen zu Hause zu sein scheint. Ohne Punkt und Komma monologisierend, steht der Sohn auf den Brettern der Wohnung, erzählt in kurzen Aufblenden die Geschichte seiner Kindheit, verknappt zuweilen diese gut rhythmisierte Prosa zu eindrucksvollen lyrischen Bildern, um im nächsten Augenblick seine Reflexion sprachgewandt auf den Punkt zu bringen. Seine Angst vor dem Vater ist seine Angst vor dem fremden Land, vor Deutschland, vor dem Unbekannten draußen und in sich selbst, eine Erregung, die ihn zwingt, alles wissen zu wollen. Wie hat der Vater gelebt; war er ein Nazi? Oder ist er noch gar nicht so alt gewesen, als er starb? Hat er als lockerer Achtundsechziger „auf alles eine / antwort gehabt und ich keine / einzige frage“? War er so feige, daß er dem Sohn Freund anstatt Vater gewesen wäre? Und wie hätte er selbst anstelle seines Vaters gehandelt, damals?

Anhand von Geschichtsmomenten seziert der Erbe so seine eigene Psyche, hadert mit dem Vater, lenkt ein, spürt der ominösen „deutschen Seele“ nach, alles auf der Suche nach dem Weg, der ihn in die eigene Natur entläßt. Geschickt läßt Ostermaier immer wieder berühmte deutsche „Kulturgenossen“ von Hölderlin über Kleist bis Kraftwerk, von Max und Moritz über Brecht bis Adorno am Wegrand erscheinen, zitiert sie in abgewandelter Form, vergißt sie, ersetzt sie, beschwört ganze Gedichte herauf („ob das kind noch auf der / treppe steht und lacht / seine tiefen augen als wüsste es nichts / und weiss doch alles / ich weiss nichts / der schwere honig in seinen / mundwinkeln…“) und erschafft so allmählich den Grundriß des Nebelfeldes, das der Sohn unfreiwillig (zumindest zu Beginn) zu erkunden auszog. Nicht der Vater versucht hier wie noch in Goethes „Erlkönig“, den Sohn vor den bösen Kräften der Natur zu retten, sondern der Vater selbst mutiert zum Unheimlichen eines Landes, vor dem der „Knabe“ aber wiederum nicht zu Rosse flieht, sich vielmehr in guter deutscher Dichter-und-Denker-Tradition der Auseinandersetzung stellt und damit sowohl den befremdenden Nebelstreif zeitweilig lichtet, als auch das Verhalten der eigenen Generation hinterfragt. „ihre logik heißt logo / und die logistik ihres aufstands / ist gespeichert auf dem / magnetstreifen ihrer kreditkarten / ist das unser protest die / oberfläche auf der tiefe / eurer gedanken…“

„Vatersprache“ ist ein intelligent geknüpfter Teppich, dessen kurzgeschorene Fäden dialektisch ineinander greifen und zwischen Vaterklage und Selbstreflexion, zwischen „So kam ich unter die Deutschen“ und der Frage: Was machen wir anders als unsere Eltern? oszilliert. Dieser Text bietet selbstverständlich keine Lösungen an. Aber wer will das schon?! Die Stärke von Ostermaiers Monolog besteht zweifelsohne in den brillant formulierten Sentenzen, in denen der Sprecher seine Synapsenarbeit münden läßt. Nur daß dieses deutsche Bildungsbewußtsein, diese aufklärerischen mentalen Aufräumarbeiten von jemandem stammen sollen, der Deutschland nicht kennt, erscheint uns unglaubwürdig, scheint ein Schlenker zu sein, den das Stück nicht im geringsten nötig hat.

 

Albert Ostermaier: Vatersprache. edition suhrkamp,

Frankfurt a. M.  2003. 60 Seiten. 6,50 €