Monaden in Wien

 

Endlich eine wagemutige Erzählweise, ein seltenes Buch, möchte man schreiben. Dabei ist die Geschichte dieses Erstlings schnell erzählt. Eine hübsche Literaturstudentin (O genannt) lernt neun Jahre, bevor die Romanhandlung beginnt, ihren Mann (A genannt) kennen. Sie ist Patientin, er Psychiater. Sie verläßt ihn auf den ersten Seiten mit den beiden Kindern (B und M genannt). Er will B und M  zurück. Sie wirft B und M aus dem Fenster und stirbt später in der psychiatrischen Anstalt. Aber in Thomas Raabs „Verhalten“ geht es nicht um die Geschichte. Es geht um Verhalten, es geht um Wissenschaft und es geht um Stil.

 

So kommt, formal gesehen, das erste Hauptstück des Buches wie eine psycho-soziologische Abhandlung daher. Ein wissenschaftlich distanzierter Erzähler nähert sich seinen Figuren, indem er in kurzen Hauptsätzen geradezu phänomenologisch deren Umgang miteinander beschreibt. Unterstrichen wird der Wissenschaftscharakter des Geschriebenen noch durch die Einteilung der Kapitel in Paragraphen. Aber dieses deskriptive Beobachten treibt so lustig-bitterböse, zuweilen grotesk-absurde Blüten, daß man bei aller Tragik, die der Geschichte doch anhaftet, aus dem Erheitertsein nicht mehr heraus findet. Da kommt es zu unerwarteten, die Handlung unterbrechenden Einschüben, den Verdienst eines Teeverkäufers betreffend; da bekommt der Leser mitgeteilt, ob ein Kugelschreiber von der Steuer absetzbar ist oder zu welcher artspezifischen Familie Hunde gehören, Milch wird analysiert und en passant auf die psychoanalytischen Entwicklungsphasen hingewiesen, in denen sich die Figuren derzeit befinden. Genauso ironisch gebrochen wie der vermeintlich wissenschaftliche Stil sind die männlichen Hauptfiguren dieses Romans. Allesamt angesehene Vertreter der bürgerlichen Gesellschaft entpuppen sie sich in ihrer stupiden Rechthaberei als armselige Kreaturen. Besonders A erweist sich vor lauter wissenschaftlicher Analyse zu keiner Emotion fähig. „Auf die Idee, daß etwas anderes als eine Idee, ein Haus etwa oder ein Hut oder gar ein Wald oder Schnee, gut oder schön sein könnte, war A offenbar noch nie gekommen.“ Wie fensterlose Monaden kreisen alle in diesem Wien, das überall in Westeuropa sein könnte, umeinander, denken laut, kommunizieren aber kaum und begreifen nichts von ihren Mitmenschen, die sie in solipsistischer Manier ihren Regeln unterwerfen wollen. Das ist zwar erbärmlich, geht aber solange gut, bis jemand versucht, sich dem zu widersetzen und aus der Spur tanzt, so wie O. Denn dann nehmen die Monaden plötzlich das störende Atom außerhalb ihrer selbst wahr und es herrscht Krieg. A sperrt die Kreditkarte von O, dann ihr Konto, droht ihr mit der Polizei und schließlich entmündigt sie ihr eigener Vater, weil es nicht normal sein kann, wenn eine Frau ihren Mann verläßt.

 

Im sogenannten zweiten Hauptstück wechselt der Autor dann die Perspektive und legt Manuskripte von O vor, die sie offensichtlich während ihrer Zeit in der geschlosenen Anstalt vor ihrem Tod verfaßt hat. Ironische Brechungen sind in diesen quasi philosophischen, zuweilen bewußt verworrenen Texten, die ihre Suche nach dem  eigenen Ich widerspiegeln nicht mehr zu finden, aber Thomas Raab versteht es geschickt beide Teile des Romans miteinander zu verbinden, indem er Motive aus dem ersten Haupstück wiederaufnimmt und variiert. Das Legoschloß der Kinder, das anfangs nicht zerstört werden durfte, wird nun zu einer ideellen kafkaesken Institution, vor der O fliehen möchte und die zitathaften Poplieder, von A als „der kleinste gemeinsame Nenner bürgerlicher Ideologien“ diffamiert, entstehen neu in einer rhythmisierten Sprache, die dem Individuum näher steht als das „man sagt, man tut“ vieler dahin gesprochener Sätze.

Die Grundstruktur des Buches ist zweifelsohne der Kreis, ein kluges sich Wiederholen in Varianten. Das führte bei der Lektüre zu einem Strudel, dessen Sog den Rezensenten bis zur letzten Seite festhielt.

 

Thomas Raab: Verhalten. Tropen Verlag, Köln. 2002.

175 Seiten. 17,80 €