Sprachfluten aus der Bronx

 

Wissen Sie was Tourette ist? Eine Fehlfunktion im Gehirn, die dazu führt, daß der Betroffene unkontrollierte, scheinbar sinnlose, oft obszöne Phrasen und Satzfetzen in die Welt hinaus schreit, egal ob er gerade im Bus sitzt oder beim Metzger sein Steak kauft. Das Hirn macht unglaubliche, assoziative Kapriolen.

„Zendo kenn ich nicht, Ken wie Zung-Fu, Feng-Shui-Meister, Funghi-Kleister, Zen-Scheißer, Leck mich!“

Lionel Essrog, die Hauptfigur in Jonathan Lethems neuem Roman Motherless Brooklyn hat Tourette und genau das ist einer der Hauptgründe, weshalb dieser Krimi aus der Masse der Neuerscheinungen heraus ragt. Nicht nur weil es Lethem gewagt hat, sich dieses Krankheitsbildes anzunehmen, sondern weil er es versteht, seine Geschichte immer wieder anzuhalten, seine kriminalistischen Nachforschungen zu unterbrechen, um sich in der Welt der Tics und der zwanghaften Bewegungsabläufe seines postmodernen Detektivs umzuschauen.

Lionel Essrog wird sporadisch zusammen mit drei anderen Jungs von der zwielichtigen Gestalt Frank Minna vom Waisenhaus abgeholt und sie laden in Brooklyn und Umgebung für eine Hand voll Dollar Kisten in oder aus Lieferwagen. Daß diese Arbeiten nicht unbedingt ganz sauber sind, wird den Jungs schnell klar, aber sie sind glücklich, dem Waisenhaus, in dem bezeichnenderweise sowohl Briefe wie auch Telefonanrufe exotisch wirken, zu entkommen und stellen keine Fragen. So wachsen sie langsam zu den Minna-Men heran. Aus der Transportfirma wird ein Detektivbüro, aus dem ganzen mutterlosen Brooklyn werden Privatschnüffler. Aber wer sind eigentlich ihre wirklichen Auftraggeber? Für wen überwachen sie ein buddhistisches Meditationszentrum und warum wird Frank Minna eines Nachts erstochen und in eine Mülltonne geworfen? Lethem, der für dieses Buch den National Book Critics Award for Fiction erhielt und sich mit Zitaten aus Dashiell Hammett’s The Maltese Falcon und Raymond Chandler’s The Big Sleep der klassischen Suspense-Literatur anschließt, veröffentlicht mit seinem fünften Roman jedoch nicht nur einen Krimi, sondern die ganze merkwürdige Welt einiger Kleinganoven, deren Horizont, die nächste Straße ist und deren Bildung auf dem letzten Kinofilm oder der letzten TV-Serie fußt. Der einzige, der in dieser Welt Bücher zu lesen scheint, ist Lionel Essrog, weil er selbst eine Flut von Wörtern beinhaltet, die jeden Moment auszubrechen drohen. Ansonsten scheinen eher die Blues Brothers Pate für einige Nebenfiguren gestanden zu haben. Das ist alles witzig erzählt und gut formuliert. Wem es auffällt, daß in der aufgehenden Sonne selbst die Brotkrümel lange Schatten werfen und daß die Teeblätter in der Tasse wie fast schwerelose Astronauten dem Mittelpunkt des Porzellanbodens zuschweben, der hat ein gutes Auge und wurde fündig auf der Suche nach dem passenden Bild. Zudem gibt es in Motherless Brooklyn die witzigste und absurdeste Sex-Szene, die der Rezensent bislang gelesen hat. Immer wieder schlägt diese Geschichte unerwartete Wege ein und so darf es nicht überraschen, daß ausgerechnet ein banaler Witz zur schlußendlichen Lösung und Aufklärung aller Fragen maßgeblich beiträgt. Aber das Schöne an diesem Buch bleibt, daß es nicht hetzt, um Spannung zu erzeugen; es verweilt bei seinem Antihelden, bis man dessen Tourette-Druck im eigenen Gehirn vermutet. „Manchmal fühlte ich mich wie ein elektrisch aufgeladener Bolzen, der mit Gestalten kommuniziert, die schleppend durch ein Meer aus Sirup wateten“, sagt Essrog an einer Stelle. Und später heißt es: „Tourette lehrt dich, was die Leute ignorieren und vergessen, lehrt dich, den wirklichkeitsbeugenden Mechanismus zu durchschauen, den Leute einsetzen, um das Untolerierbare, Widersprüchliche, Zersetzende zu verdrängen...“ Gut geschrieben. Schrebergut. Scheinglut. Rheinblut. Lutsch mich!

 

Jonathan Lethem: Motherless Brooklyn. Tropen Verlag, Köln 2001. 370 Seiten. 19,80 €