Beslan goes Big Brother

 

 

Zwar wird in Enno Stahls Roman keine Schule in Ossetien besetzt, sondern die Burg Breckendorff im Rheinland, auf der die Firma Telematics, „Wurmfortsatz der Misashimoto Inc.“ ihr Weihnachtsfest begehen möchte, aber das Bestücken der Räumlichkeiten mit Sprengstoff und die Drohung der Geiselnehmer alles in die Luft zu jagen, lassen Erinnerungen an den September 2004 wach werden. Aber dann ist doch alles anders!

Allein die Forderungen der „Rheinischen Bewegung 2Pac Amaru“ lesen sich wie ein schlechter, undurchdachter Witz:

„1. Die Verpflichtung auf eine veränderte Wirtschaftspolitik, Abkehr von Globalisierung und Neo-Liberalismus. 2. die Verpflichtung zur Autonomisierung des Rheinlandes. … 5. Die Entrichtung einer Kriegssteuer von Seiten der Regierung.“ Und dergleichen Überzogenes mehr. Der auf Commandante gestylte Hector und seine Truppe scheinen Karneval und Revolution zu verwechseln. Und genau das macht diesen durchaus kurzweiligen Roman so interessant.

Stahl, Jahrgang 1962, zuletzt als Herausgeber des „Kölner Autorenlexikons“ in Erscheinung getreten und literarisch längst kein Unbekannter mehr, begnügt sich nicht mit einer Gegenüberstellung von Gut und Böse, verwischt auch nicht einfach nur die Grenzen zwischen brutalem Terrorismus und den perfiden Machenschaften der konzerninternen Führungselite, die die Belegschaft von Telematics auf die Straße setzen will, sondern führt die gesellschaftlichen Strukturen, in denen beide leben ad absurdum. Die Geiselnehmer in „2Pac Amaru Hector“ sind weder intellektuelle Größen noch hirnlose Killer, sie sind eher Jugendliche und Postpubertierende, die das Gefühl nicht los werden, keine Zukunft zu haben, weil man ihnen keine gibt. Sie kommen vom Rand und drängen ins Zentrum, wo die Konzerngrößen bereits stehen und sich wiederum wie Terroristen benehmen. Und so durchzieht den ganzen Roman ein Schwanken zwischen Verständnis angesichts der unterprivilegierten Situation der Geiselnehmer und dem völligen Wahnsinn ihrer Tat. Enno Stahl hat Figuren geschaffen, wie man sie abends in der Disco treffen könnte, nur daß sie nun Kalaschnikows tragen. Sie sitzen nicht im Big-Brother-Haus, sondern auf einer Wasserburg und lassen die Zuschauer per Internet in alle Räume schauen und mit erleben, was sie und die Geiseln treiben. Völlig pervers möchte man als Leser im ersten Moment aufschreien, aber dann kommt einem die Berichterstattung in den heutigen Medien in den Sinn und plötzlich scheint die Ästhetisierung von Gewalt via Internet, die Hochstilisierung eines Terroraktes zum pop-kulturellen Akt via Fernsehen nur noch ein winziger Schritt zu sein. Auch das macht „2Pac Amaru Hector“ zu einem lesenswerten Buch: diese einschnürende Nähe zur aktuellen Realität. Stahl hat nicht nur gut recherchiert für seine Fiktion, hat nicht nur alles vom Bundeskanzler über GSG9 bis zu skrupellosen Journalisten und Schaulustigen aufgefahren, nein, er hat das in einer schnellen, unterhaltenden zuweilen witzigen Sprache getan, springend zwischen dem inneren Monolog einer Geisel, Norma Tergreve, und einem auktorialen Erzähler; er hat es in einer Sprache getan, die ihren Gegenstand ins Herz trifft und den Leser in die immer wieder überraschende Situation bringt, abends das Buch nicht weg legen zu können und sich selbst zu flüstern zu müssen: „Gut, noch ein Kapitel, aber dann mach ich das Licht wirklich aus!

Bei mir hat es lange gebrannt, das Licht! Und da nach Enno Stahls „Peewee rocks“ (ein Roman in drei Gossenheften) nun „2Pac Amaru Hector“ den Untertitel „Zweiter Band des Zyklus ’Die Turbo-Jahre’“ trägt, darf man gespannt sein, was die Zukunft uns im dritten Akt so bringen wird. Viel Licht zur Nacht jedenfalls, das dürfte klar sein.

 

Enno Stahl: 2Pac Amaru Hector. Schwartzkopff Buchwerke, Berlin. 2004. 264 Seiten. 15 €