Von schwarzen Ochsen?

  

Dieses Buch kommt schon merkwürdig zwitternd daher und läßt den Leser seltsam gespalten zurück. Ein Buchhändler, der unentwegt mit Essen konfrontiert wird, aber nie einen Bissen hinunter kriegt, der seine Frau verlassen will, aber immer tut, was sie sagt, erzählt von seiner Lebensunlust, von seiner Schwere, seinem Ekel an der Welt. Und zumindest auf den ersten 30 Seiten – nicht wenig bei einem so schmalen Bändchen - hätte man Lukas Bärfuss gerne zugeraunt: Langatmigkeit beschreibt man nicht, indem man selbst so langatmig wird, daß wir den Text am liebsten gleich wieder weggelegt hätten.

Das Motto seines Prosadebüts hat der 1971 geborene und in der Schweiz lebende Theaterautor, der vor allem durch die Stücke „Die Reise von Klaus und Edith durch den Schacht zum Mittelpunkt der Erde“ und „Meienbergs Tod“ bekannt ist, einem Gedicht von W. B. Yeats entnommen: „Wie schwarze Ochsen ziehn die Jahre hin...“ Leider tut seine Prosa das zuweilen auch. Aber eben zum Glück nicht durchgängig. Im Gegenteil, nach der beschriebenen Durststrecke scheint Bärfuss plötzlich seinen Fluß gefunden zu haben. Zwar verweilt er weiterhin bei seinem handlungsunfähigen Ich-Erzähler, dem man immer wieder zurufen möchte: „Beweg dich doch endlich! Tu was!“, aber die Beziehungen zu seiner Umgebung, zu anderen Menschen werden nun deutlicher heraus gearbeitet. Und das kann Lukas Bärfuss: in wunderbar formulierten Szenen wird das psychologisch diffizile Geflecht des Miteinander-Auskommens freigelegt, werden Charaktere skizziert, die in ihrer kargen Strichhaftigkeit glaubhaft und zugleich sinnlich erscheinen. Hervorragend und witzig sind die Schilderungen der Spaziergänge mit der Mutter, die der vom Leben angewiderte Buchhändler von Zeit zu Zeit im Altersheim besucht. Exzellent auch das Zwiegespräch mit der Kommissarin Stefanini gegen Ende, wo Bärfuss geschickt äußere Realität und Innenwelt des Protagonisten gegeneinander setzt; genauso wie die Begegnung mit Emilia, die Totenwache hält am Bett von Paolo, jenem längst vergessenen Freund, der einst wegen des Ich-Erzählers Italien verlassen und in die Schweiz gezogen war, ohne jemals wieder etwas vom vermeintlichen Freund zu hören. Allerdings zieht einen die Beschreibung der Reise zum Begräbnis von Paolo und die daran anschließene Autofahrt zur Casa Fiori, wo der Bärfusssche Antiheld aus der Unfähigkeit „Nein“ zu sagen heraus, seine Frau, seine Tochter und deren Freund David besuchen will, erneut in die staubtrockenen Wüsten einer Prosa, in denen man als Leser während der Lektüre nur noch an das rettende Glas Wasser auf dem eigenen Küchentisch denkt.

Einmal im Ferienhaus wider Willen angekommen, nähert sich die Novelle dann wieder wie von selbst ihrer „unerhörten Begebenheit“. Von einer Wanderung kehrt nur der Ich-Erzähler zurück, nicht aber der Freund der Tochter. Was passiert ist, bleibt geschickt im Dunkeln; der Leser ahnt, daß der Buchhändler auf irgendeine Weise Schuld am Tod des Jungen hat, aber gewiß hat dieser auch hier nicht wirklich gehandelt, wohl eher Hilfe unterlassen.

„Die toten Männer“ heißt Lukas Bärfuss Erstling, und neben dem verstorbenen Paolo und dem verunglückten/ermordeten David ist vor allem der Hauptprotagonist dieses Buches ein Toter, wenn auch im übertragenen Sinn. Konsequent also, daß die erste Mahlzeit, die er am Ende des Buches zu sich nimmt, Teil eines Leichenschmauses ist.

So oszilliert das Buch zwischen wunderbaren Passagen und Belanglosigkeiten, zwischen Langeweile und fesselnden Szenen hin und her. Dem Leser sei empfohlen, die literarisch trockenen Zwischenräume mit viel Weihnachtspunsch schnell schluckend zu durchschreiten. Die Geschenke liegen dieses Jahr nunmal verstreut im ganzen Haus.

 

 

Lukas Bärfuss: Die toten Männer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2002. 126 Seiten. 8,50 €