War am Anfang das Wort?

 

Eigentlich trifft es auf jede Art von Literatur zu: man muß sie laut lesen, man muß den Klang der Wörter hören, wie er aus dem eigenen Mund kommt, um dann von außen wieder ins eigene Ohr einzudringen. Aber erst recht trifft dies auf die Poesie von Fuad Rifka zu. Ohne die Lauteinheiten, die einen zum Verweilen einladen, würde man in diesem Buch viel überlesen.

Fuad Rifka, 1930 geboren, stammt aus Syrien und promovierte in Tübingen über die Ästhetik Heideggers. In Beirut lehrt er zur Zeit Philosophie und übersetzt Höderlin, Trakl, Novalis und andere deutschsprachige Autoren. Er ist arabischer Christ und manche seiner Verse scheinen von einem Glauben an eine Urkraft, die hinter den Dingen steht, getragen zu werden. In raunendem, manchmal sakralem Ton werden biblische Erinnerungen wachgerufen und archaische Lebensqualität beschworen. „Aus seiner Asche / erwacht der Holzsammler, / er betastet seinen Leib / und spricht vor sich hin: / dies sind deine Wälder, Leib, / ...

Es ist als wollte der Autor zu den Anfängen der Poesie zurück kehren, als reiche die Benennung der Dinge, um sie leibhaftig vor dem Leser erstehen zu lassen. Auf fast dickköpfige und gleichzeitig provozierende Art wird kein einziges Wort hinterfragt.

Stefan Weidner, der Herausgeber und Mitübersetzer dieser zum Teil unveröffentlichten zum Teil aus mehreren Bänden zusammen gestellten Gedichten aus den achtziger Jahren bis heute, beschreibt diese Haltung des Autors treffend in seinem Nachwort: „Das Gedicht tut, als wäre es vorsprachlich. Fremd ist ihm alles Artifizielle, Handwerkliche... Stattdessen kindliches Urvertrauen in die Sprache...“ Hier wird wie in alten Mythen und Riten eine Identität zwischen Bezeichnung und Bezeichnetem erwogen, die für den Rezensenten einerseits nur schwer nachzuvollziehen ist, andererseits gerade die Faszination dieser Lyrik ausmacht. Muß nicht die Sprache, um sie wieder den Dingen anzunähern, aus den verhunzten Alltagsbezügen gelöst und geöffnet werden für die Dinge in den Dingen? So entstehen doch Sprachbilder und eben keine Abbilder. Aber für Fuad Rifka, dessen Gedichte zuweilen an die bestechende Einfachheit japanischer Haikus erinnern, stellt sich diese Frage nicht, weil er sozusagen immer schon vor der Entstehung des Alltags und der damit verbundenen Sprache weilt. Seine Welt ist zumindest aus linguistischer Sicht noch nicht entzaubert, kein aufklärerischer Graben entzweit diesen Ort; die Natur wird in diesen Texten nach wie vor durch Angleichung zu beeinflußen und nicht durch Arbeit zu beherrschen versucht. „Auf der Erde, / wenn das Laub ausruht / nach dem Sturm. / In den Krügen, / wenn die Ernte ausruht / nach dem Pflug. / ...

Daß diese Art der Poesie sich entschieden für die Natur ausspricht und in Städten allenfalls die Menschen im Keller hocken sieht, versteht sich eigentlich von selbst. Am New Yorker Himmel hängt das Fieber und die Wolkenkratzer wirken wie Gefängnisse mit Stäben und Ketten. Im „Tagebuch eines Holzsammlers“, so der Titel eines frühen Gedichtbandes von Fuad Rifka kann man nur noch von der Schlaflosigkeit angesichts der fehlenden Natur lesen, von eiskalten Nächten ist die Rede, von schwarzem Wahn und Angst. Man denkt, immer alles schon zu kennen, was man da liest und man ist versucht zu hetzen, weiter zu blättern, dabei würde unserer Aufmerksamkeit allerdings nicht nur so manche Trouvaille entgehen, man würde den Gedichten einfach nicht gerecht werden. Denn im Klang dieser Verse liegt ihr Gewicht, und während ich den ausgesprochenen, den hörbaren Sätzen lausche, frage ich mich, ist das das Gras, das da seinen eigenen Namen ausspricht, klingt da das Wort „Wald“ nach unzähligen Stämmen, an denen sich das Wild reibt? Ich weiß es nicht. Und doch.

 

 

Fuad Rifka: Das Tal der Rituale. Straelener Manuskripte, Straelen 2002. 128 Seiten. 26,00 €