Wäre Omar Sharif ein guter Mohammed?

 

 

Wollen wir doch nicht um den heißen Brei herumreden: für mich ist ‚Mohammedanische Versuchungen’ das Buch des Jahres, ein großartiger Text, der sowohl erzählerisch als auch analytisch von der ersten bis zur letzten Seite überzeugt! 

Im Jahre 1985 ersteht der damals siebzehnjährige Erzähler in Tunesien ein Koranexemplar und begibt sich damit auf eine mentale Reise, die ihn wesentlich weiterführt, als nur in die Länder, die er tatsächlich besucht. Stefan Weidner, Islamwissenschaftler, Kritiker und Herausgeber der Zeitschrift ‚Art & Thought’ hat mit seinen ‚Mohammedanischen Versuchungen’ ein Buch vorgelegt, das sich gattungsspezifisch nur schwer bis gar nicht verorten läßt. Es ist Geschichtsabriß, philosophische Skizze, Fiktion und Reisebericht zugleich. Weidner selbst nennt seinen Text einen „erzählten Essay“ und betont damit sowohl die subjektive als auch die von der Realität „entbundene“ Sichtweise des Buches. Das ‚So ist es’ vermischt sich auf eigenartige Weise mit dem ‚So könnte es gewesen sein’ und dem ‚So habe ich es erlebt’: Relativierung als Stilmittel, allen Dogmatikern eine Absage zu erteilen. Denn Weidner ist ein Wanderer zwischen den Kulturen, ein Vermittler, der sich im Morgen- und Abendland auskennt und der abzuwägen weiß zwischen Islam und Terror, zwischen westlicher Zivilisation und sogenannten Kollateralschäden, ein Denker, dem nichts mehr zuwider ist, als der Fanatismus, egal aus welcher Richtung er zu uns herüberweht.

Was das Buch aber darüber hinaus so ungemein spannend macht, ist die Unmittelbarkeit des Erzählten, die Sinnlichkeit, mit der selbst noch über den Realitätsbegriff reflektiert wird. Kein Gedanke, der sich mit Abstraktion schmückt; im Gegenteil ist jeder Moment im Hier und Jetzt angesiedelt. Diskutiert wird in Beirut beim Abendessen über die Tanzbarkeit des Korans, während das Siegesgeschrei der Hisbullah von der Gasse zu hören ist. Beim Spaziergang über die leeren Hochstraßen Kairos zur Zeit des abendlichen Fastenbrechens werden Affinitäten beschworen zwischen dem Verfall der alten Stadt und dem Verfall der islamischen Kultur, und wenn Studenten der berühmten Azhar-Universität darüber nachdenken, ob Hollywood nicht einen Mohammedfilm mit Omar Sharif in der Hauptrolle drehen sollte, damit die Welt erkennt, daß Mohammed ein Mensch, also fehlbar war und daß also alles, was auf ihn zurückgeht, die Sharia, das islamische Recht etwa, fehlbar ist, dann hat man als Leser das Gefühl zum einen mitten in dieser Moschee zu sitzen und plötzlich arabisch zu verstehen und zum anderen selbst wieder Lernender in einer komplexen Welt zu sein.

Persönliches Erleben, politische Aktualität und die Suche nach einer möglichen Zukunft des Zusammenlebens verschmelzen hier.

Ein ausgiebiges Händeschütteln mit einem Honorarkonsul in Aleppo wird zum Ausgangspunkt für Fragen der Weltpolitik oder ein Besuch der toten Stadt, in der im 5. Jahrhundert Simeon als Säulenheiliger gefeiert wurde, wird zum Anlaß über den Märtyrerbegriff nachzudenken. „Die Ideologie kann das Sterben verlangen, die Religion nicht.“ Und etwas weiter heißt es: „Der Selbstmord kommt einer Verhöhnung der Märtyreridee gleich.“ Weil Gott den Märtyrer bestimmt und nicht der Mensch selbst. „Ein Märtyrer, der sich selbst umbringt, ist wie jemand, der sich das Zeugnis, das er bekommen soll, eigenhändig ausstellt.“

‚Mohammedanische Versuchungen’ ist so aktuell wie die Abendnachrichten, unmittelbar am Puls der Zeit, dabei wunderbar leicht erzählt, voller wilder Ideen und Unvorhersagbarem, zugleich fein durchdacht und voller Gerüche und Laute, eine sinnliche Reise durch den Norden Afrikas, Syrien und den Libanon, eine taghelle Passage ins Herz der Reflexion und damit eine Brücke, die unsere Zeit nötig hat wie nie.

  

        Stefan Weidner: Mohammedanische Versuchungen. Ammann Verlag, Zürich 2004. 240 Seiten. 18,90 €